Polizeigewalt, Abhörskandale, Pushbacks

Der griechische Rechtsstaat steht unter massivem Druck. Manche Kritiker warnen, die Grundrechte seien bedroht. Herrschen bald Zustände wie in Ungarn oder Polen?

Von Vincenzo Capodici, 12.4.2023 -Tagesanzeiger (Schweiz)

Demonstration nach Zugkatastrophe Ende Febr. mit 57 Toten

Insgesamt neunmal hat die Staatsanwältin unterschrieben: neun Genehmigungen für den nationalen Geheimdienst, die Telefone von Georgios Kyrtsos für jeweils zwei Monate abzuhören. Die Begründung: nationale Sicherheit.

Der Mann, der also mutmasslich über 18 Monate eine Gefahr für den griechischen Staat darstellte, ist Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Zu der Zeit gehörte er noch der konservativen Nea Dimokratia an, der Partei, die in Athen regiert. Allerdings hatte er öffentlich den Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis und die Arbeit seiner Regierung kritisiert.

Der Konflikt eskalierte, als Kyrtsos dem Premierminister eine «Orbanisierung» des Landes vorwarf. Ein Vergleich mit Ungarn unter Viktor Orban und dessen erklärtem Ideal einer illiberalen Demokratie? Das ging dem griechischen Regierungschef, der als moderner, liberaler Reformer angetreten war, zu weit. Er liess Kyrtsos im Februar 2022 aus der Partei ausschliessen.

Regierungschef will von Nichts gewusst haben

(…) Regierungschef Mitsotakis erklärte mehrmals öffentlich, er habe von nichts gewusst. Er entliess seinen Büroleiter – ein Neffe von ihm – und den Geheimdienstchef. Doch die Opposition wollte sich damit nicht zufriedengeben: Schliesslich hatte Mitsotakis kurz nach seinem Amtsantritt 2019 den Geheimdienst seiner direkten Kontrolle unterstellt.

Ein Ausschuss des Europaparlaments kritisiert eine «Kultur der Straflosigkeit» in Griechenland

Europaparlamentarier Kyrtsos wollte zudem wissen, ob all das stimmte, was ihm Informanten aus Athen zutrugen: nämlich, dass auch seine Telefongespräche abgehört worden seien. Er wandte sich an die zuständige Behörde für Kommunikationssicherheit und Datenschutz. Diese schickte eine Delegation zum Telefonanbieter Cosmote, um in den dortigen Akten nach Hinweisen auf eine Überwachung zu suchen. Der griechische Generalstaatsanwalt aber untersagte umgehend die Ermittlungen, drohte, wenn die Beamten weitermachten, könnte dies für sie «unter bestimmten Bedingungen sogar zu einer vorübergehenden Freiheitsstrafe führen». (…)

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Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit in Griechenland „ernsthaft bedroht“

Von:  Sofia Stuart Leeson |  EURACTIV.com | 14.3.2023 (übersetzt von  Benedikt Stöckl)

Laut einem durchgesickerten Entwurf eines Missionsberichts des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres des Europäischen Parlaments gibt es ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Rechtsstaatlichkeit in Griechenland.

Zudem werden laut dem Bericht Beamte unabhängiger öffentlicher Einrichtungen regelmäßig schikaniert und Journalisten oft eingeschüchtert, so der Bericht.

Der Bericht wurde nach dem Besuch des LIBE-Ausschusses in Athen (1) vom 6. bis 8. März verfasst. Bereits vor der Erstellung des Berichts hatte die Leiterin der Mission, Sophie in ‚t Veld von der zentristischen Fraktion Renew Europe, angedeutet, dass die Situation der Rechtsstaatlichkeit in Griechenland prekär sei.

Während des Besuchs im März waren griechische Regierungsvertreter nicht für ein Treffen mit der Delegation verfügbar. (…)

Beschwerden der Zivilgesellschaft und der Medien

Laut dem Bericht diskutierte die Delegation während ihres Besuchs mit Vertretern der Zivilgesellschaft unter anderem über die „Notwendigkeit, die Unabhängigkeit einiger nationaler Aufsichtsbehörden zu respektieren und zu stärken“, über die Klagen und die strafrechtliche Verfolgung von Journalisten sowie über Bedenken hinsichtlich der „weitreichenden“ Registrierungsanforderungen für NROs (2).

Die Delegation traf auch mit Journalisten zusammen, um über die ständigen Attacken und den Druck zu sprechen, dem die Medien ausgesetzt sind, auch von hochrangigen Politikern und Regierungsbeamten.

Laut dem Weltpressefreiheitsindex für das Jahr 2022 nimmt Griechenland unter den 27 EU-Mitgliedstaaten den schlechtesten Platz ein. (…)

Ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Rechtsstaatlichkeit

Die Abgeordneten waren sich auch einig, dass es „ernsthafte Bedenken“ über „sehr ernste Bedrohungen“ für die Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte in Griechenland gibt. Sie stellten fest, dass das System der gegenseitigen Kontrolle, das „für eine robuste Demokratie unerlässlich“ ist, unter starken Druck geraten ist, während das Justizsystem „extrem“ langsam und ineffektiv ist. (..)

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(1) „Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres“
(2) Nichtregierungsorgabisation

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Thessaloniki: Marsch zur Verteidigung von VIO.ME

Original (griech.) – 31.3.2023

Sie wollen unser Leben.

Das tragische kapitalistisch-staatliche Verbrechen in Tempi hat selbst den verschlossensten Ohren gezeigt, dass der moderne Kapitalismus (buchstäblich) alles tun wird, um die immer höheren Profite zu erzielen, die er anstrebt. Wir sehen es in den Booten mit unschuldig ermordeten Flüchtlingen in der Ägäis und auf dem Evros, wir sehen es im ganzen Mittelmeer, wir sehen es in den absichtlich verlassenen Krankenhäusern, wir sehen es in den Fabriken, in denen Arbeiter „Unfälle“ haben, wie sie die Morde der Arbeitgeber nennen, wir sehen es in den Armeen der Arbeitslosen und Obdachlosen, wir haben es in Tempi gesehen. So viel dazu. Wenn wir uns gegen die Schrecken des Kapitalismus wehren wollen, müssen wir die soziale Selbstverteidigung in allen Räumen, Vierteln und Arbeitsbereichen organisieren. Und soziale Selbstverteidigung bedeutet, die Strukturen der sozialen Bewegung zu verteidigen, die Solidarität, Selbstorganisation und Selbstverwaltung fördern. VIOME (und) zu verteidigen. Heute, wo der Funke der Revolte im Herzen Europas (wieder) entfacht ist, ist jedes Stück Land, das weit von der Kontrolle des Kapitals entfernt ist, entscheidend für die kommenden Kämpfe.

SIE WOLLEN VIO.ME TÖTEN! DAS WERDEN WIR NICHT ZULASSEN!

Seit 10 Jahren wird in der besetzten Fabrik VIOME die Kontrolle der Produktion und die Selbstverwaltung der Arbeit durch die ArbeiterInnen in die Praxis umgesetzt. Die Arbeiter, die sich gegen die Angst wehrten, als die Eigentümer die Fabrik in betrügerischer Weise in den Ruin trieben, haben den schlimmsten Angriff der politischen und wirtschaftlichen Macht auf unser aller Leben seit Jahrzehnten abgewehrt. Sie nahmen ihr Leben selbst in die Hand und beschlossen angesichts der Brutalität der modernen Realität, die Fabrik zu besetzen, um sich von Jahrhunderten der Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien.

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Wird Griechenland zu einem neuen Ungarn? Diese Frage stellte sich bald nach Antritt der Mitsotakis-Regierung

Es begann mit einem neuen Universitätsgesetz (s. Video), das die Einführung einer Campus-Polizei beinhaltete und auf massiven Widerstand bei den Studierenden stieß. Autoritäre und repressive Maßnahmen in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft folgten, häufig begleitet von Gewalt durch die gestärkte Bereitschaftspolizei (MAT). Bedrohung von Journalisten, sogar Ermordungen ließen Griechenland in puncto Pressefreiheit weit nach hinten fallen (Platz 108). Auch Jugendliche kamen durch Polizeischüsse zu Tode.

Der Umgang mit Geflüchteten nahm zunehmend mörderische Formen an: die illegalen Pushbacks hielten an und Entführungen – Aussetzen von Menschen auf dem Meer – kamen hinzu. Helfer*innen der Geflüchteten wurden zunehmend kriminalisiert. Neben Korruptionsfällen aller Art war die Abhöraffäre von einschneidender Bedeutung. Dies sind in aller Kürze Beispiele für die inzwischen nicht mehr zu leugnende Orbanisierung Griechenlands. Hier findet sich ein gründlicher Einblick in diese unheilvolle Entwicklung:

Die Orbanisierung Griechenlands – das autoritäre System des Kyriakos Mitsotakis“ war Thema einer dreieinhalbstündigen Veranstaltung am 24.3.2023 in Berlin. Zwei griechische Experten haben ausführlich über die autoritäre Entwicklung in ihrem Land berichtet: der investigative Journalist Stavros Malichudis, der über autoritäre Tendenzen in mehreren Bereichen sprach, und Iasonas Apostolopoulos, der seit vielen Jahren Geflüchtete vor dem Ertrinken im Mittelmeer rettet. Ein ausführlicher Bericht mit dem Titel Wer weiß schon, dass der neoliberale Sunnyboy die Demokratie in Griechenland schleift? findet sich bei griechenlandsoli.com. Ebenso sind dort die Videos zur Veranstaltung einzusehen: Videos der Veranstaltung „Die Orbanisierung Griechenlands – das autoritäre System des Kyriakos Mitsotakis“ am 24.3.23

Die Veranstaltung wurde moderiert von der vielseitigen Aktivisten und Theatermacherin Prof. Dr. Margarita Tsomou. Auch sie sieht Griechenland auf autoritärem Kurs wie Polen und Ungarn und bemängelt die Schikanierung von regierungskritischen Journalisten. Im Rahmen der Veranstaltung vom 24.3. entstand auch dieses Interview bei DLF-Kultur: „Athen auf Abwegen – Berliner Diskussionsrunde über die Orbanisierung Griechenlands,“

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Thessaloniki hat gesprochen – Wasser ist nicht zu verkaufen!

Historisches Konzert zur Verteidigung des Wassers und aller öffentlichen Güter in Thessaloniki

Stavroula Poulimeni, 3. April 2023 – alter thess

Aristoteles-Platz

Thessaloniki hat gestern die entschiedenste Antwort auf die Bestrebungen zur Privatisierung des Wassers gegeben, indem die Stadt in einem historischen Konzert eine noch nie dagewesene Zahl von Menschen versammelte und sich verpflichtete, den Kampf zur Verteidigung des Wassers und aller öffentlichen Güter fortzusetzen.

Der Aristoteles-Platz füllte sich ab dem frühen Nachmittag und blieb bis zum Abend mit schätzungsweise 20.000 bis 25.000 Menschen gefüllt. Die Angestelltengewerkschaft EYATH, die Musikervereinigung Nordgriechenlands und eine große Anzahl von Freiwilligen haben sowohl auf politischer als auch auf rein organisatorischer Ebene eine hervorragende Arbeit geleistet und Tausende von Menschen in der Botschaft vereint, die an die Regierung gerichtet werden muss, gegen die Privatisierung des Wassers und die Veräußerung aller öffentlichen Güter.

Es war eine politische Bewegung von unten, die es geschafft hat, nicht nur dem Kampf zur Verteidigung des Wassers, sondern auch vielen anderen Kämpfen, die derzeit in der Gesellschaft stattfinden, einen Ausdruck von Widerstand zu verleihen.

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2. April: Konzert gegen die Wasserprivatisierung und noch viel mehr!

Jeder, der in den letzten zehn Jahren in Saloniki gelebt hat, versteht, dass das, was passiert ist, viel mehr war als ein Konzert.“ (Chris Avramidis)

Auch VIO.ME ist vertreten und begrüßt die riesige Menschenansammlung. Tausende applaudieren der einzigen besetzten Fabrik des Landes.

Auftritt der VIO.ME-Solidaritätsinitiative auf dem Konzert gegen die Wasserprivatisierung in Thessaloniki am 2. April 2023.

Kurze Zusammenfassung der Grußadresse:

  • Seit zehn Jahren setzen die ArbeiterInnen der VIO.ME das Prinzip der Selbstverwaltung und der ArbeiterInnenkontrolle in die Praxis um.
  • Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.
  • Sie haben die Fabrik zurückerobert.
  • Haben versucht, sich von der jahrhundertalten Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien.
  • Mit der Unterstützung der weltweiten (griechischen und internationalen Solidarität) ist es ihnen gelungen, die rückeroberte Fabrik am Leben zu erhalten.
  • Seitdem produzieren sie natürliche und ökologische Reinigungsmittel.
  • Und decken so einen Teil der echten und gesellschaftlich notwendigen Bedürfnisse.
  • Diese Fabrik ist ein soziokultureller Ort; ein Ort des Kampfes um Würde und Emanzipation.
  • Tausende von Menschen haben unser Projekt auf der Straße und vor den Gerichten gegen die Zwangsversteigerungen und die staatliche Unterdrückung aktiv unterstützt.
  • Was die anstehenden Parlamentswahlen betrifft, werden wir ganz bestimmt keine Wahlempfehlung abgeben.
  • Nur zur Erinnerung: seit 2016 waren wir Opfer der damaligen Koalitionsregierung SYRIZA/ANEL.
  • Es war ausgerechnet diese Regierung, die 2017 gesetzlich die digitalen Zwangsversteigerungen eingeführt hat.
  • Auf der anderen Seite sind wir dankbar für die massive Unterstützung und Solidarität unabhängig von Parteizugehörigkeit, die uns entgegengebracht wird.
  • Seit 10 Jahren erklären wir, die ArbeiterInnen der VIO.ME, dass wir unsere Fabrik und unser Leben nicht denen überlassen werden, die uns zuerst ausgeraubt haben und jetzt zurückkehren, um uns mit dem geraubten Reichtum aufzukaufen.
  • Keinen Schritt zurück!
  • Ohne dich drehen sich die Zahnräder nicht, doch du ArbeiterIn brauchst keine Chefs!
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Oberstes Gericht hat entschieden: Rückgabe der Anteile von EYDAP – EYATH an die Öffentlichkeit!

Die beiden Urteile geben dem Finanzministerium 6 Monate Zeit, um früheren Urteilen des Obersten Gerichtshofs nachzukommen. Das Plenum des Staatsrats hat ausdrücklich entschieden, dass Wasser keine Ware ist.

Die beiden Entscheidungen des Kassationsgerichtshofs des Staatsrats wurden veröffentlicht. Sie räumen dem Finanzministerium eine Frist von sechs Monaten ein, den früheren Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs nachzukommen und alle erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die Aktien von EYDAP und EYATH, die sich jetzt in der Finanzkasse befinden, an den Staat zurückzugeben.

Dabei handelt es sich um die Entscheidungen 7/2023 und 8/2023 des Staatsrats wegen der Nichteinhaltung der Beschlüsse 190 und 191/2022 des Plenums des Staatsrats durch die Exekutive und Legislative, in denen die Aufnahme von EYDAP und EYATH in die öffentliche Kasse für verfassungswidrig erklärt wurde.

In dem kürzlich vom Parlament (nur von Abgeordneten der Nea Dimokratia) verabschiedeten Gesetz wurden die Wasserversorger, einschließlich der kommunalen Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsunternehmen (MWS), der Kontrolle, Regulierung und Überwachung durch die Energieregulierungsbehörde (RAE) unterstellt, die in Abfall-, Energie- und Wasserregulierungsbehörde (RAEAW) umbenannt wird und ihren Zuständigkeitsbereich auf Wasser und Abfall ausweitet.

Die Website dikastiko.gr veröffentlicht die beiden Entscheidungen zu EYDAP und EYATH mit den Kommentaren der Rechtsanwälte Al. Sarivalasis und Aik. Georgiadou, die den Fall bearbeitet haben.

Es ist bezeichnend, dass die Richter des Obersten Gericht detailliert und „schulmäßig“ erklären, was die Einhaltung dieser Gerichtsentscheidungen bedeutet, um neue „Missverständnisse“ zu vermeiden“; bemerken die beiden Anwälte und zitieren einen Teil der Entscheidungen. (Anm.: auf die jeweils recht langen und nicht einfach zu verstehenden Texte wird hier verzichtet.)

Quelle (griech.)

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