Das Echo der Katastrophe

Musik und Widerstand: David Prudhommes wundervolle Comicbände »Rembetiko« und »Rembetissa«

Von Marc Hieronimus, 12.1.2026 – junge Welt jw

David Prudhomme: Rembetiko. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt-Verlag, Berlin 2010, 104 Seiten, 24 Euro; David Prudhomme: Rembetissa. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt-Verlag, Berlin 2025, 112 Seiten, 25 Euro

Wenn im Tagtraum die Fee mit dem Chronoteleporter kommt und einen Urlaub in einer europäischen Stadt der Wahl im Jahre 1930 anbietet, denkt man an Paris oder Berlin, wenn eine zerebrale Sprachinstallation inbegriffen ist, vielleicht auch an Moskau, Lwiw oder Madrid, aber wahrscheinlich nicht an Thessaloniki, Athen oder Piräus. Zu Unrecht, denn da spielte die Musik, und zwar der Rembetiko.

Er entstand Anfang der 1920er Jahre, als viele verarmte Bauern in die Städte strömten und dort auf ihre geflüchteten Landsleute aus Kleinasien trafen, die mit dem Ende des Griechisch-Türkischen Krieges aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Die Rembetes und wenigen Rembetissas, d. h. die Musiker, Sänger und Sängerinnen des Rembetiko, waren unter den Bourgeois nicht gut angesehen, galten als Gammler, Gauner, Drogenabhängige. Sie verkörperten den türkischen, orientalischen Teil der Griechen und sangen in ihren Liedern unter anderem von Drogen, Glücksspiel, Raufereien, Ärger mit der Polizei und allgemein vom Elend des Lebens am Rande der Gesellschaft. Kein Wunder, dass der Rembetiko unter dem General Ioannis Metaxas (1936–1941) verboten wurde. Er hatte sich nach der Niederschlagung eines Arbeiteraufstands im August 1936 zum Diktator aufgeschwungen und träumte mit dem westgriechischen Bürgertum von einer »Dritten griechischen Zivilisation«, die sich nun an die klassische Antike und das Byzantinische Reich anschließen sollte. (…)

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