Griechenland: Deutschlands lange verdrängte Kriegsschuld

von Hilde Schramm, April 2021 – Blätter für deutsche und internationale Politik

In Distomo, unweit von Delphi, ermordeten Einheiten der Waffen-SS am 10. Juni 1944 mindestens 218 Zivilisten

<<Am 6. April jährt sich zum 80. Mal der deutsche Angriff auf Griechenland.Und nach wie vor sind die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis der Griechinnen und Griechen tief verankert. Zugleich ist die Bereitschaft Deutschlands bis heute beschämend gering, Griechenland für die Zerstörung und Ausplünderung des Landes und das den Menschen zugefügte Leid zu entschädigen. Griechenland war, außer als Ferienland, erstaunlich lange aus dem Blickfeld der meisten Deutschen geraten.[1] (…)

Erst am 4. Juni 2019 forderte angesichts dessen das griechische Außenministerium die Bundesregierung in einer Verbalnote erneut zu Verhandlungen über Entschädigungs- und Reparationsforderungen auf. Doch obwohl auch hierzulande mittlerweile selbst Politiker und Politikerinnen die Massaker der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS an der griechischen Zivilbevölkerung als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen, beschränkte sich die offizielle Antwort aus Berlin auf drei lapidare Sätze: „Nach Auffassung der Bundesregierung ist die Reparationsfrage abgeschlossen. Die Position der Bundesregierung ist unverändert. Sie beabsichtigt daher nicht, in Verhandlungen über dieses Thema einzutreten.“[3]

Die deutsche Schizophrenie

Wir haben es mit einer fast absurden Situation zu tun: Die Verbrechen werden nicht länger geleugnet, aber daraus folgt keine Änderung des Verhaltens. Dieses Auseinanderfallen von Einsicht und Handeln grenzt an politische Schizophrenie. Eine solche kognitive Dissonanz drängt nach Auflösung, sie lässt sich nicht auf Dauer aushalten.

Wie aber kommt die Bundesregierung zu ihrer Position? (…)>>

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Warum musste Giorgos Karaivaz sterben?

Nach der Ermordung von Giorgos Karaivaz hat die Regierung in Athen rasche Aufklärung angekündigt. Doch die könnte schwierig werden: Der Investigativjournalist recherchierte zuletzt zum wachsenden Einfluss krimineller Banden in Griechenland – auch auf die Behörden.

Von Verena Schälter, 9.4.2021 – dlf

„Das Video einer Überwachungskamera zeigt zwei Männer auf einem schwarzen Motorroller. Der Fahrer trägt einen weißen Helm mit dunkel getöntem Visier, schwarze Kleidung. Der zweite Mann ist ebenfalls dunkel gekleidet, mit einer Mütze und einer schwarzen Maske im Gesicht. Die griechische Polizei geht davon aus, dass es sich bei diesen beiden Männern um die mutmaßlichen Mörder des Journalisten Giorgos Karaivaz handelt – möglicherweise sogar um Auftragskiller. (…)

Zusammenhang mit organisierter Kriminalität?

Wieso der 52-Jährige umgebracht wurde, ist bislang unklar. Möglicherweise bestehe ein Zusammenhang zwischen dem Mord an Karaivaz und der organisierten Kriminalität, hieß es vom Bürgerschutzministerium. Konkrete Aussagen zum Tatmotiv seien aber noch nicht möglich. (…)“

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Auf offener Straße erschossen

Griechenland: Journalist Karaïvaz Opfer eines Mordanschlags. Motiv unklar

Von Hansgeorg Hermann, Chania, 12.4.2021 – junge Welt

Straßensperrung in Alimos (Athen) am 9.4.2021

„Mit Schüssen aus einer Handfeuerwaffe wurde am Freitag nachmittag der Polizeireporter Giorgos Karaïvas vor seinem Haus im Athener Stadtteil Alimos getötet. Wie die Mordkommission der griechischen Hauptstadt am Sonnabend erklärte, haben Augenzeugen von zwei vermummten Männern berichtet, die den in Griechenland weithin bekannten, 53jährigen Journalisten in Sekundenschnelle niedergestreckt hätten. Nachdem sie dem bereits auf dem Gehweg liegenden Opfer offenbar noch einmal in den Kopf geschossen hätten, seien sie auf einem Motorroller geflohen. Über das Motiv für die Tat herrschte auch am Sonntag noch Unklarheit.

Nach Angaben der Polizei wurden am Tatort dreizehn Patronenhülsen gefunden. Die Gerichtsärztin, die den Toten noch am Freitag untersucht hatte, habe in ihrem Bericht sieben Treffer in Hände, Brustkorb und Kopf festgehalten. Der Journalist habe offenbar versucht, sich mit ausgestreckten Händen vor seinen Mördern zu schützen. Karaïvas, der für den Fernsehkanal Star und den griechischen Rundfunk arbeitete, unterhielt auch einen eigenen Blog im Internet. Auf seinem beschlagnahmten Computer, seinem Mobiltelefon und in seinen Bürounterlagen hofft die Polizei Hinweise auf die Täter und den Hintergrund des Verbrechens zu finden. (…)“ Vollständigen Artikel lesen

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Griechenland besteht auf Forderung nach Reparationen

Es geht um mindestens 289 Milliarden Euro: Griechenland fordert eine Entschädigung für die von den Nazis begangenen Verbrechen. Doch die Bundesrepublik will nicht zahlen.

5.3.2021 – ZEIT ONLINE

Denkmal 10 km östlich von Distomo, Bildhauerin: Aggelika Korovessi CC-BY-SA-4.0

80 Jahre nach dem deutschen Angriff auf Griechenland im Zweiten Weltkrieg hat die Regierung in Athen ihre Forderung nach Verhandlungen über Reparationen für die verursachten Kriegsschäden bekräftigt. Kurz vor dem Jahrestag erklärte das Außenministerium, dass die Frage der Entschädigung aus griechischer Sicht weiterhin offen sei. „Die Frage bleibt offen bis zur Erfüllung unserer Forderungen. Diese Forderungen sind gültig und aktiv und sie werden mit jedem Mittel geltend gemacht“, sagte Ministeriumssprecher Alexandros Papaioannou. „Verhandlungen würden sehr positiv zur weiteren Förderung der griechisch-deutschen Beziehungen beitragen.“ (…)

Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags hatten die deutsche Haltung zu den griechischen Reparationsforderungen infrage gestellt. „Die Position der Bundesregierung ist völkerrechtlich vertretbar, aber keineswegs zwingend“, heißt es in einem Gutachten vom Juni 2019. Griechenland habe – anders als Polen – nie auf Reparationen verzichtet und seine Ansprüche immer wieder geltend gemacht.

Grüne und Linke kritisieren die unnachgiebige Haltung der Bundesregierung. In einer Bundestagsdebatte zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Griechenland forderten beide Fraktionen vor wenigen Tagen in Anwesenheit der griechischen Botschafterin Mara Marinaki einen Kurswechsel. (…)

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Sie kamen nicht als Touristen

<<Der 6. April 1941 ist ein in Deutschland vergessenes Datum des Zweiten Weltkriegs. Am 6. April vor 80 Jahren begann der Angriff Deutschlands auf Griechenland. Dieser Film will einen Anstoß geben, sich mit diesem Teil der verdrängten und verschwiegenen Geschichte deutscher Schuld, die nie aufgearbeitet wurde, zu beschäftigen. Drei deutsche Schülerinnen haben sich den Film „DER BALKON – Wehrmachtsverbrechen in Griechenland“ des griechischen Dokumentarfilmers Chrysanthos Konstantinides, angesehen, um zu verstehen, was damals passiert ist. Sie waren sehr schockiert. Eine Schülerin, die aus Syrien geflüchtet ist, hat erschreckende Parallelen zu ihren eigenen Erlebnissen entdeckt.

Mehr als drei Jahre von 1941 bis 1944 hielten deutsche Soldaten Griechenland besetzt, plünderten es aus und zerstörten es bei ihrem Abzug. Mehr als 100 Dörfer wurden so vollständig zerstört. Den Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung fielen zehntausende Kinder, Frauen und Männer zum Opfer, mindestens 140.000 verhungerten. Mehr als 100 Dörfer wurden vollständig zerstört. Nahezu alle griechischen Juden wurden deportiert und ermordet. Respekt für Griechenland e.V. empfiehlt den Film der „Der Balkon-Wehrmachtsverbrechen in Griechenland“ für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Er ist schon erfolgreich in der Schule eingesetzt worden. Wir suchen weitere Lehrkräfte und andere Pädagogen, die den Film in ihren Lerngrupen zeigen wollen. Begleitmaterial ist vorhanden.>> Kontakt: vorstand@respekt-fuer-griechenland.de

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Drängen auf eine erinnerungspolitische Wende

Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland

Fazit, Hilde Schramm im Gespräch mit Britta Bürger, 3.4.2021 – DLF (Podcast):

„Drei Jahre lang versetzte die deutsche Armee … gemeinsam mit SS und Gestapo das Land in Angst und Schrecken. Es gab Massaker, Erschießungen und Plünderungen. Hunderttausende Zivilisten fielen den Verbrechen zum Opfer. Fast alle griechischen Juden wurden deportiert und ermordet. Der nationalsozialistische in Terror war in Griechenland besonders brutal.“

Dennoch fand das Thema in Deutschland bislang kaum Beachtung, „weder in den Medien, noch in der Politik, geschweige denn in den Schulbüchern, sagt die langjährige Grünen-Abgeordnete und frühere Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses“ (Hilde Schramm, Respekt für Griechenland e.V.). „Es gab noch nie eine Debatte über Griechenland im Bundestag und die Schäden und die möglichen Forderungen. Das muss man sich mal vorstellen.“ (Hilde Schramm)

Von Bedeutung daher die am 25. März von den Grünen wie von Seiten der Fraktion DIE LINKE eingebrachten Anträge, die erstmals das Thema Reparationen und Entschädigungen auf die Tagesordnung gebracht haben. Beide Anträge wurden abgelehnt.

BundestagsdebatteAntrag BÜNDNIS90/DIE GRÜNENAntrag DIE LINKE

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Wir sind alle Griechen

Am 25. März 1821 begann auf der Peloponnes der Aufstand gegen die Osmanen. Weltweit löste er eine Welle philhellenischer Begeisterung aus.

Von Simon Dumoulin, 25.3.2021 – TAZ (aus Le Monde diplomatique)

Drei Frauen, die in der griechischen Revolution eine wichtige Rolle spielten: Die Generalin Manto Mavrogenous, die Schiffsbesitzerin Laskarina Bouboulina und die weniger bekannte Domna Wiswisi

„Wer entsinnt sich heute noch der Begeisterung, die zwischen 1821 und 1829 allein der Name Griechenland weckte“, fragte der französische Historiker Edgar Quinet im Jahr 1857. Die Hellas-Schwärmerei war tatsächlich groß, und viele „Philhellenen“ unterstützten und finanzierten den Freiheitskampf oder engagierten sich sogar, wie der britische Dichter Lord Byron, auf griechischem Boden.

Damals hatte das Osmanische Reich bereits 400 Jahre lang zu beiden Seiten der Ägäis geherrscht, hatte die griechisch-orthodoxe Bevölkerung zu Untertanen minderen Rechts und die Bauern zu Pächtern von herrschaftlichem Grundbesitz gemacht. Die Bewegung der Philhellenen speiste sich aus mehreren Motiven. Das eine war die Hoffnung, der griechische Aufstand könne den Aufbruch in ganz Europa, den die Heilige Allianz von Österreich, Russland und Preußen mit Repressionen, Verfolgungen und politischer Zensur erstickt hatte, aufs Neue entfachen.

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