So stimmt die Jugend

In Griechenland dürfen nun auch Jugendliche mit 16 Jahren wählen. Sieben Erstwähler*innen haben der taz erzählt, für wen sie stimmen wollen – und warum.

Von Ferry Batzoglou, 18.5.2023 – TAZ

Johanna Merkouri, (links) Georgios Papadopoulos, Irini Mandouka wollen eine Wende in Griechenland. Deswegen gehen sie am kommenden Sonntag zum ersten Mal wählen Foto: Ferry Batzoglou

(…) Laut Ex­per­t*in­nen dürfte für den Wahlausgang am 21. Mai wohl zum einen die Wahlbeteiligung maßgeblich sein. Obendrein sei die Stimmabgabe der Jung­wäh­le­r*in­nen ein entscheidender Faktor.

Der Grund dafür ist, dass insgesamt 438.595 der knapp 10 Millionen wahlberechtigten Grie­ch*in­nen zum ersten Mal wählen können. Davon sind 112.097 Wahlberechtigte im Jahr 2006 geboren und somit erst 16 oder maximal 17 Jahre alt. (…)

Zunächst kommen 4 Jugendliche aus besser gestellten Familien zu Wort, dann noch die drei vom Foto oben, die eine Wende in Griechenland wollen.

Das Schülertrio Johanna Merkouri, Irini Mandouka und Georgios Papadopoulos, unisono Jahrgang 2005, besucht die letzte Schulkasse eines Lyzeums an einer stark befahrenen Ausfallstraße in der Hafenstadt Piräus, wo eher einkommenschwächere Grie­ch*in­nen leben. Alle drei sind gerade 18 Jahre alt geworden, für alle ist es die erste Wahl in ihrem Leben. „Ich gehe wählen. Das muss sein. Sonst verändert man nichts“, beteuert Georgios. Gerade ist er von einem Testspiel seines Fußballteams zum vereinbarten Treffen in seiner Schule geeilt. Er habe gewollt, dass er die Ersatzbank drücke, erzählt er. Er sei Torhüter. Seit einem Monat habe er nicht mehr trainiert. „Keine Zeit, wegen der Schulprüfungen.“ Georgios lacht.

Zeit genommen habe er sich jedoch, um sich vor der Wahl gründlich zu informieren. „Ich will wissen, was ich wähle. Nicht das, was meine Eltern wählen oder mir einreden wollen.“ (…)

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Yanis Varoufakis, die Wahlen und die Krise der Linken in Europa

Der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis und seine paneuropäische Partei DiEM25

Interview: Ferry Batzoglou, 10.5.2023 – TAZ

Mit dem Referendum vom 5. Juli 2015 lehnte die Mehrheit der Griechinnen und Griechen eine Fortsetzung des durch die Troika (EU, EZB und IWF) auferlegten Spardiktats ab. Dennoch kapitulierte Regierungschef Alexis Tsipras (Syriza) und machte aus dem „Nein“ (OXI) ein „Ja“. Der damalige Finanzminister Yanis Varoufakis folgte ihm nicht. Stattdessen gründete er 2015 die paneuropäische Bewegung „Demokratie in Europa“ (DiEM25).

Um bei Wahlen in den einzelnen EU-Ländern kandidieren zu können, musste DiEM25 lokale Parteien ausgründen, für Griechenland wurde es MeRA25, seit 2019 im griech. Parlament vertreten. Fast zeitgleich finden nun die Wahlen in Griechenland (21. Mai) und im Bundesland Bremen (14. Mai) statt. (…)

Frage: Wie hat sich DiEM25 entwickelt?

Wir haben rund 130.000 Mitglieder. Das ist nicht viel. Es müssten viel mehr sein. Wir sind in der ganzen EU präsent, aber auch darüber hinaus. Wir haben Basisgruppen in Israel, wo Juden und Palästinenser gemeinsam wirken, in Serbien, in der Türkei, in Großbritannien. (…)

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»Sie sind eher räteorientiert«

Zehn Jahre selbstverwaltete Seifenfabrik Vio.me. Von Wahlen in Griechenland Ende Mai versprechen sich die Besetzer nichts. Gespräch mit Manfred Neugroda und Konstantin Koustas (vom Griechenland Solidaritätskomitee Köln/ GSKK)

Interview: Fabian Linder, 9.5.2023 – junge Welt

Ende April feierten die Vio.me-Beschäftigten mit Tausenden die zehnjährige Selbstverwaltung der ehemaligen Baustoffabrik »Viomichaniki Metalleutiki« in Thessaloniki

Es gab zuletzt eine breite Solikampagne für die selbstverwaltete griechische Fabrik Viome. Was hat es damit auf sich?

Manfred Neugroda: Mit der mittlerweile 26. Zwangsversteigerung im Januar ist das Gelände der Seifenfabrik Viome verkauft worden. Die Versteigerung war diesmal nicht öffentlich, sondern online, weshalb kein direkter Protest möglich war. Ersteigert wurde das Gelände für 9,2 Millionen von einem südafrikanischen Investmentfonds, betrieben von einem Exilgriechen. Daraufhin wurde eine Solidaritätskampagne initiiert. Es war klar, dass man dem Investor das Gelände nicht überlassen, sondern es verteidigen und nach Lösungen für den weiteren Betrieb suchen wird. Es gibt mittlerweile auch Verhandlungen mit dem Investor, die von den Kolleginnen und Kollegen als nicht ganz aussichtslos beschrieben werden. Das hängt auch davon ab, wie die Regelungen für Viome aussehen können.

Was würde eine Schließung bedeuten?

Konstantin Koustas: Seit der Besetzung vor über zehn Jahren arbeiten die meisten nun dort. Es geht um viel mehr als um den Verlust des Arbeitsplatzes. Das Projekt Viome repräsentiert politisch den Kampf einer massiv prekarisierten Gesellschaft in Griechenland.

M. N.: Man muss auf individueller Ebene fairerweise sagen, dass die Besetzung und Rückeroberung der Produktion nur jene durchgehalten haben, die einen Rückhalt in anderer Form hatten. Andere mussten sich aufgrund der niedrigen Löhne, die maximal gezahlt werden konnten, neue Arbeitsplätze suchen, wenn sie sie denn gefunden haben. Dadurch arbeiten heute entsprechend weniger Kollegen in der Fabrik.
Es geht aber nicht nur um die existentielle Seite. Die Kollegen identifizieren sich mit dem politischen Projekt. Ohne Boss, ohne Kapitalisten regeln sie auf demokratische Weise ihre Zusammenarbeit. Das öffnet die Tür für weitere Projekte. Es gab eine Vielzahl weiterer Versuche der Rückeroberung von Betrieben, und es gibt immer wieder neue Ansätze, bei denen auch Kollegen von Viome ihre Erfahrungen zu Verfügung stellen. (…)

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VIO.ME lebt, kämpft und feiert !

Ein eindrucksvoller Blick in das Leben und Arbeiten in der VIO.ME-Fabrik und ein Schlaglicht auf 10 Jahre Selbstverwaltung, Solidarität, Widerstand und Kampf (erstellt im März 2023):

Inside Vio.Me, Greece’s factory run by workers with no boss (März 2023). The Real News Network (TRNN) goes inside the Vio.Me factory in Thessaloniki, Greece, which is the country’s only worker-managed factory that doesn’t have any bosses. Solidarity with workers of the world)

Am 29. und 30. April wurde das 10-jährige Jubiläum groß gefeiert. Mit einem fantastischen Konzert an zwei Tagen setzte VIO.ME die Reihe der Konzerte des Widerstandes gegen die Mitsotakis-Regierung und die herrschende Politik fort! So wie eine Woche zuvor, auf dem Aristoteles-Platz in Thessaloniki gegen die Privatisierung der Wasserversorgung, organisiert von den Wasserarbeiter:innen der EYATH und vielen solidarischen Menschen und Gruppen.

Wohl mehr als Zehntausend nahmen an den beiden Abenden teil. Vorausgegangen war ein Treff von über 200 direkten Unterstützer:innen zur Beratung der Verteidigung und Sicherung der Fabrik nach dem Kauf des Geländes durch einen Immobilienspekulanten. Eindrucksvoll die Solidarität und Unterstützung durch die Musiker:innen, zahllose Helfer:innen und ein begeistertes Publikum; Solidaritätserklärungen aus vielen sozialen, ökologischen und politischen Initiativen in Griechenland und international, einige zu lesen hier: www.#defendViome.

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Dynastien am Drücker

Die Griechen wählen in zwei Wochen – aber wen? Derzeitiger Regierungschef hat mit Abhörskandal zu tun. Erinnerungen an Staatsstreich der Obristen

Von Hansgeorg Hermann, Chania, 6.5.2023 – junge Welt

Aktuelle Umfrage

Klar ist zur Zeit nur eines: Am 21. Mai werden die Griechen eine neue Regierung wählen. Völlig unklar ist, welche Partei das zustande bringen soll. Rund zwei Wochen vor dem Gang zu den Urnen sind die Aussichten, dass eine der beiden größeren Parteien das schaffen könnte, ziemlich schlecht. Weder die rechte Nea Dimokratia (ND) des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis noch die Syriza, das Bündnis der Linken und ihr Kandidat Alexis Tsipras wären – falls die zahlreichen Meinungsumfragen nicht völlig daneben liegen – dazu heute in der Lage. Erinnerungen an den Frühling 1967 werden wach, als die damals für den 28. Mai geplanten Wahlen ausfielen, weil der »Parakratos«, der »tiefe Staat« – sprich griechische und US-amerikanische Geheimdienste – die demokratischen Strukturen des Landes zerstört hatten und den Weg freimachten für den Staatsstreich der Obristen. Es folgten sieben Jahre eiserne Diktatur. (…)

Unlängst forderte die Athener Tageszeitung Efimerida ton Syntakton (Efsyn) ihre Leser auf, an die Tage im April und Mai vor 56 Jahren zu denken, wenn sie diesmal ihren Wahlzettel ausfüllen. Denn das Land und seine wieder einmal schwächelnde Demokratie sehe sich seit mehr als einem Jahr erneut von im politischen Untergrund wühlenden Agenten bedroht, beauftragt und gelenkt von denen, die ihre Herrschaft mindestens für die kommenden vier Jahre absichern wollten. Gemeint ist Mitsotakis, den nicht nur die linke Opposition beschuldigt, den Befehl für den selbst in Griechenland beispiellosen Lauschangriff auf mehr als 300 politische Gegner, Minister, bekannte Konzernchefs, Journalisten und Abgeordnete aller Parteien gegeben zu haben. (…) Vollständigen Artikel lesen

siehe auch

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Die griechische Erbdemokratie

Die Kinder haben gute Jobs, der Papa ist schon wie der Opa Premier. Die Familie Mitsotakis ist einer der einflussreichsten Clans in Griechenland. Premier Kyriakos Mitsotakis kämpft nun dafür, dass das auch nach der Wahl so bleibt.

Vom 02.05.2023 – Wiener Zeitung

Hoffnungsträger des Mitsotakis-Clans

Ein blaues Fahnenmeer weht an diesem lauen Abend im April im alten Hafen der bildhübschen westkretischen Stadt Chania. Der Wahlkampf in Griechenland vor den Parlamentswahlen am 21. Mai hat gerade offiziell begonnen.

Breitbeinig steht er am Rednerpult. Er habe „nur ein Ziel“, verkündet Kyriakos Mitsotakis, seit knapp vier Jahren griechischer Premier: mit seiner konservativen Nea Dimokratia (ND) weiter alleine das Land regieren. „Heute senden die Menschen in Chania ihre eigene donnernde Botschaft der Hoffnung. Eine Botschaft des Selbstbewusstseins, des Sieges, damit wir am 21. Mai, dem Namenstag von Konstantinos und Helena, in Blau feiern können. Nicht nur Kreta wird blau sein, sondern ganz Griechenland“, sprüht der 55-Jährige vor Zuversicht. Die Menge jubelt. (…)

Eine Heirat etablierte den Clan

Der Wahltermin ist kein Zufall. Schon der Urgroßvater des Premiers hieß Konstantinos. Der „Gero-Kosti“, der „alte Kostis“, ist der Genarch, der Gründer des Mitsotakis-Clans. 1845 auf dem Peloponnes geboren, musste seine Familie vor ihrer Verfolgung nach Kreta fliehen. Dort zog Kostis Mitsotakis 1872 nach Chania und gründete die „Partei der Barfüßigen“, wie sie seine politischen Gegner abschätzig nannten. Eine grobe Unterschätzung. Denn Kostis Mitsotakis war nicht nur Förderer und enger Vertrauter des jüngeren Eleftherios Venizelos, der von 1910 bis 1933 mit Unterbrechungen gleich siebenmal griechischer Premier war. Kostis Mitsotakis heiratete auch Venizelos’ Schwester Katigo.

Das war der Grundstein für die Etablierung des Mitsotakis-Clans in der griechischen Politik. Der Enkelsohn des Genarchen, der nach alter Tradition den Vornamen seines Großvaters erhielt, prägte nach dem Zweiten Weltkrieg fast fünfzig Jahre die Politik in Griechenland, von 1990 bis 1993 als Premier. Sein Sohn ist Kyriakos, der heutige Premier. Dessen Großvater, der selbstredend ebenfalls Kyriakos hieß und so sein Namensgeber war, war auch schon Abgeordneter. (…)

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10 Jahre Arbeiterselbstverwaltung, 10 Jahre Kooperation, Widerstand, ökologische Produktion und solidarische Netzwerke

Von Agisilaos Koulouris, 2.5.2023 – KOSMODROMIO

Rund 10.000 Menschen versammelten sich am 30. April auf dem VIO.ME-Gelände zu einem großen Fest, als Teil der Veranstaltungen zum zehnjährigen Bestehen der Fabrik unter Selbstverwaltung der Beschäftigten. Im Jahr 2013 besetzten die Arbeiter von VIO.ME die Fabrik und arbeiteten weiterhin horizontal und selbstorganisiert, ohne Chefs. VIO.ME ist die einzige besetzte Fabrik auf dem Balkan.

Aus einem Flugblatt, das während des Konzerts verteilt wurde: „Die Arbeiter haben der Angst widerstanden, als die Eigentümer die Fabrik in betrügerischer Weise in den Bankrott trieben. Sie haben ihr Leben selbst in die Hand genommen und angesichts der Brutalität der modernen Realität beschlossen, die Fabrik zu besetzen, um sich von jahrhundertelanger Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien.“

Mit der Unterstützung einer riesigen Welle der Solidarität auf der ganzen Welt haben sie die besetzte Fabrik am Leben erhalten, ohne Chefs, mit Selbstverwaltung durch die Arbeiterversammlung und mit sozialer Kontrolle, während die Fabriken in der Region eine nach der anderen schließen mussten.

Videos und Fotos u. a. von Agisilaos Koulouris (vom 30.4.) und Chris Avramidis.

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