Holocaust in Saloniki

Entrechtet, enteignet und ermordet. Vor 80 Jahren endete die Deportation der griechischen Juden

Bis zum heutigen Tag wurde die Frage der Reparationen nicht geklärt. Obwohl von griechischer Seite immer wieder angemahnt, sind deutsche Regierungen ihren Pflichten in keiner Weise nachgekommen. (Texte auf GSKK.org)

Von Jürgen Pelzer, 12.8.2023 – junge Welt

Sadistisches, antisemitisches Spektakel auf dem »Platz der Freiheit« in Thessaloniki (Juli 1942)

Innerhalb von fünf Monaten, von Mitte März bis Mitte August 1943, wurde fast die gesamte jüdisch-sephardische Gemeinde Thessalonikis nach Auschwitz deportiert. Im April 1941 hatte die deutsche Invasion zur Kapitulation und Aufteilung Griechenlands in deutsche, italienische und bulgarische Besatzungszonen geführt. Die Deutschen behielten sich neben Athen Thessaloniki vor, das schon vor dem Krieg ins Visier des »Sonderkommandos Rosenberg« geraten war, das sogleich mit der Plünderung von Bibliotheken, Synagogen, Zeitungsredaktionen und Buchhandlungen begann, angeblich, um Material für eine Fachbibliothek zur »Judenfrage« zu sammeln. Die ökonomische Ausplünderung des Landes, namentlich die Requirierung von Lebensmitteln, führte zu hoher Inflation und einer massiven Hungersnot. Der Massenmord an den Juden wurde deshalb verzögert in Gang gesetzt, zumal sich die italienischen Bündnispartner gegen Judenverfolgungen oder gar Deportationen sperrten. Die angestrebte »Endlösung« konnte also zunächst nur in den von den Deutschen besetzten Gebieten stattfinden, und dazu gehörte Thessaloniki, die »Mutter Israels«, wie die Stadt von den jüdischen Einwohnern stolz genannt wurde. (…)

Insgesamt wurden 48.000 Juden und Jüdinnen in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert. Die Fahrt dauerte jeweils fünf Tage. Etwa 37.000 Menschen wurden sofort nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet, weitere 8.000 bis 9.000 gingen an Zwangsarbeit, Krankheiten und Unterernährung zugrunde. Am Ende des Krieges bestand die sephardische Gemeinde Thessalonikis praktisch nur noch aus einer kleinen Gruppe von etwa 1.200 Menschen. (…)

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Waldbrände in Griechenland: Evakuieren reicht nicht

Im Nachgang der verheerenden Waldbrände auf der Insel Rhodos wächst in Griechenland die Wut auf die Regierung

Von John Malamatinas, Thessaloniki, 04.08.2023 – nd

Warum konnte das Ausmaß der Katastrophe nicht begrenzt werden, fragen sich die Menschen auf Rhodos und in ganz Griechenland (Foto: AFP/Angelos Tzortzinis)

Es ist eine Sache, den wohlverdienten Urlaub wegen der drohenden Flammen abzubrechen – aber eine ganz andere, wenn man dort lebt, wo es brennt. »Mir geht es sehr schlecht. Ich habe seit Tagen nicht geschlafen. Eines der Dörfer, wo meine Familie herkommt, ist abgebrannt. Ich erinnere mich an unsere Ausflüge in Südrhodos und daran, dass wir mit der Familie mitten auf der Straße anhielten und ich den Hirschen durch die Bäume in die Augen sah – das tut mir jetzt in der Seele weh«, sagt die junge Lehrerin Ekaterini Alevanti.

Angst, Unruhe und Ungewissheit sind einige der Gefühle, die den Zustand der Bewohner von Rhodos beschreiben, die über zehn Tage mit ansehen mussten, wie ihre Insel brannte, ohne dass der Staat ihnen half. Die Menschen beklagten einen Mangel an Feuerwehr, Infrastruktur und Grundnahrungsmitteln. Verlass war nur auf die anderen Inselbewohner, die ihre Häuser öffneten und ihre Autos zur Verfügung stellten. »Das Einzige, was mich mit Hoffnung füllt, ist, dass alle Freunde, Cousins, wirklich alle, ihre Arbeit liegen gelassen haben und jeder mit seinen Mitteln zur Beendigung der Katastrophe beigetragen hat«, betont Alevanti. (…)

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Waldbrände: Eine verheerende Saison

Kein Land in Südeuropa hat so viel verbrannte Erde zu beklagen wie Griechenland. Die Türkei auf der anderen Seite der Ägäis ist hingegen kaum betroffen.

Von Ferry Batzoglou, 4.8.2023 – TAZ

ATHEN taz | Die Tourismus-Flaggschiffe Rhodos und Korfu mitten in der Hochsaison, der agrarisch geprägte Süden der ohnehin feuergeplagten Halbinsel Euböa, eine Luftwaffenbasis in Mittelgriechenland mit sündhaft teuren Kampfjets und riesigen Munitionslagern, in denen ein Feuerinferno in diesen Tagen gewaltige Detonationen auslöste: Griechenland erlebt abermals eine verheerende Feuersaison mit einem enormen ökologischen und ökonomischen Schaden.

Von Anfang Januar bis zum 31. Juli ist bereits eine Fläche von 55.000 Hektar in ganz Griechenland verbrannt. Das hat das Europäische Waldbrandinformationssystem (European Forest Fire Information System – EFFIS) dokumentiert. Das sind bereits rund dreißig Prozent mehr verbrannte Gesamtfläche als im Ganzjahresdurchschnitt der Jahre 2006 bis 2022.

Damit liegt Griechenland in Sachen verbrannte Erde gemessen an seiner Gesamtfläche im laufenden Jahr unangefochten auf Platz eins in ganz Europa. Konkret: In Italien sind im laufenden Jahr bisher 0,18 Prozent der Gesamtfläche verbrannt, in Spanien 0,14, in Portugal 0,09 und in der Türkei 0,02 Prozent – in Griechenland sind es 0,4 Prozent.

Größere Brände als die Jahre zuvor (…)

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Landnahme des Kapitals

Verheerende Waldbrände in Griechenland Folge organisierter Brandstiftung für Profit. Wirtschaftliches Interesse gewinnt, Mensch verliert

Von Hansgeorg Hermann, Chania, 3.8.2023 – junge Welt

Zerstörte Lebensgrundlagen

»Wir sind im Feuer untergegangen«, titelte am Mittwoch die Athener Tageszeitung Efimerida ton Syntakton (Efsyn). Die vom Blatt veröffentlichte »herzzerreißende Bilanz« des heißesten Monats Juli seit Wetteraufzeichnung liest sich in der Tat wie ein Bericht aus der Apokalypse: In nicht einmal vier Wochen verbrannten auf Inseln und auf dem Festland rund 55.000 Hektar Wald und Buschlandschaft, dazu Häuser, Schulen, ganze Dörfer. Bei Löscharbeiten im Süden der Insel Euböa stürzten zwei junge Piloten – 27 und 34 Jahre alt – mit ihrer völlig veralteten Canadair 215 ab und starben in den Trümmern. Der Militärflughafen Nea Anchialos westlich der Hafen- und Universitätsstadt Volos musste in Panik geräumt werden. Die griechische Luftwaffe rettete zwar ihre dort stationierten F16-Jagdflieger des Kampfgeschwaders 111, ein Teil der in den Munitionslagern gestapelten 450 bis 900 Kilo schweren Marschflugkörper und Bomben explodierte allerdings und gefährdete die 150.000 Einwohner der nur 20 Kilometer entfernten Metropole der Pilion-Halbinsel. Der Syriza-Politiker Stefanos Tzoumakas, Kandidat für den seit Alexis Tsipras’ Rücktritt vakanten Parteivorsitz, klagte den seiner Meinung nach für die meisten Großfeuer verantwortlichen Brandstifter an: das Kapital.

»Die Landnahme des Kapitals« – schreibt auch der Hamburger Soziologe Jürgen-Michael Reimer in seinem jüngst erschienenen Essay »Der absurde Kapitalismus« – geht in diesen Tagen in den Ländern rund um das Mittelmeer über Leichen. Reimer: »Der Umweltschutz zur Erhaltung der Existenzgrundlage des Menschen hat der Markt nicht als seine Aufgabe angesehen, sondern dem Profitinteresse untergeordnet.« (…)

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Statement der EYATH-Mitarbeiter zum Ende des Kampfes gegen die Wasserprivatisierung

Wasser ist ein Element der Natur, das für unsere Existenz notwendig ist, es wird nicht privatisiert und unterliegt nicht der Logik des Profits.

Donnerstag, 27. Juli 2023

EYATH kehrt in die Hände des Staates zurück! (12 Jahre des Kampf werden sichtbar in einem 12-zeiligen Änderungsantrag).

Heute hat die Regierung mit dem Beschluss 8/2023 des Konformitätsausschusses des Obersten Gerichts (Staatsrat) den Ausstieg von EYATH aus dem Superfund und die Rückgabe an den Staat gesetzlich verankert.

Mit einer 12-zeiligen Änderung wird das Wasser von Thessaloniki wieder vom Staat verwaltet, wie es die Verfassung schon immer vorsah.

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Erfolg der griechischen Wasserarbeiter und der Wasserbewegung bei der Rückkehr der Wasserunternehmen in die staatliche Kontrolle

Text von EPSU (The voice of 8 million European public service workers)

(28. Juli 2023) Ein großer Erfolg der 12-jährigen Kampagnen der griechischen WasserarbeiterInnen und der breiteren Wasser- und Sozialbewegung, als bekannt gegeben wurde, dass die Regierung die Kontrolle über die Wasserbetriebe von Athen und Thessaloniki wieder übernehmen wird, 27. Juli 2023. Die EGÖD (Europ. Gewerkschaft d. öffentl. Dienstes) beglückwünscht die Beschäftigten, ihre Gewerkschaften und die Wasser- und Sozialbewegung.

Concert for Water at Aristotelous Square Thessaloniki on 2 April 2023

Die Wasserbetriebe von Athen (EYDAP) und Thessaloniki (EYATH) waren seit 2011 von der Privatisierung bedroht. Die Regierung und später die Europäische Kommission (und die Troika) argumentierten, dass der Verkauf der Unternehmen Geld zum Abbau der Staatsschulden bringen würde. Arbeitnehmer, soziale Bewegungen und eine große Mehrheit der griechischen Bevölkerung waren damit nicht einverstanden. Sie haben einen Kampf gegen diese Verkäufe geführt, der unter anderem Folgendes umfasste:

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Als am Fenster die Feuerfront auftaucht, werden die Rhodos-Urlauber plötzlich totenstill

Wassilis Aswestopoulos, 26.7.2023 – focus

Am Dienstag hebt eine Ryanair-Maschine von NRW nach Rhodos ab. An Bord: Urlauber, die trotz aller Warnungen in die griechische Feuerhölle fliegen. Im Landeanflug wird es plötzlich totenstill an Bord.

Dienstag, früher Morgen. Ich habe gepackt und eile zum Flughafen. Es geht nach Rhodos, wo auch heute noch, am achten Tag des Feuers, Dörfer evakuiert werden. Aber mit mir eilen auch Touristen – mitten ins Brandgebiet; nicht, um zu berichten, sondern, um sich zu erholen und Urlaub zu machen.

Was für Gedanken begleiten ihre Reise? Ist Urlaub im Krisengebiet möglich? (…)

„Wo fliege ich da nur hin?“, fragt die Urlauberin am Gate und steigt in den Rhodos-Flieger

„Wo fliege ich da nur hin?“, fragt sich eine junge Dame, die ihre bereits auf Rhodos befindliche Freundin zum gemeinsamen Urlaub aufsucht. Man habe ihr versichert, dass die Flammen von ihrem Hotel 50 Kilometer entfernt seien, erklärt sie. „Aber was sind bei den Winden und diesem Feuer dort schon 50 Kilometer?“, zweifelt sie und kommt zum Schluss, dass sie sich auch kurz vor dem Abflug über eine Absage des Fluges nicht unbedingt ärgern würde. (…)

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