Bomben zerstörten ihr Haus in Aleppo. Mit dem Schlauchboot übers Meer geflüchtet, nun im Camp Moria ohne Dach über dem Kopf auf dem blanken Erdboden eng zusammengedrängt. Fotografiert kurz vor einem heftigen Wolkenbruch.
Claus Kittsteiner, 27.Dezember 2019
Liebe Freunde und Bekannte im In- und Ausland, das Jahr 2019 geht auf sein Ende zu, für Euch und Sie hoffentlich mit hoffnungsvoller Stimmung und mit guten Aussichten für 2020. Wenig Hoffnung auf ein besseres Dasein haben leider die Geflüchteten auf den ägäischen Inseln, darunter 40 Prozent Kinder, wie es heißt. Als jemand, der auf Lesbos und in Athen über viele Monate in das Geschehen vor Ort eingebunden war und gegenwärtig miterleben muss, dass sich trotz täglicher Verschlimmerung der Situation von EU-Seite nichts Wahrnehmbares regt, um diesen schrecklichen und gegen alle aufgeklärten Wertmaßstäbe und menschliche Gefühle verstoßenden Zustand zu lindern oder gar zu beenden, will und muss ich etwas tun.
Gesundheitsversorgung, Verpflegung und Unterbringung im Lager Moria sind unzureichend
Reportage von Adelheid Wölfl aus dem Lager Moria auf Lesbos, 26. Dezember 2019, 16:13 – DerStandard
„Aya probiert gern Purzelbäume, und wenn er dann kopfüber auf seiner
Decke landet, leuchten seine Augen vor Freude. Der vierjährige Syrer hat
heute keine Schuhe an, weil seine Mutter, Nura Mando, alles waschen
musste. Der Regen hat über Nacht das Zelt eingeschlammt. Nun haben die
20-Jährige und ihre beiden Kinder kein Dach über dem Kopf mehr. Ihre
einjährige Tochter Beylisan war noch nicht geboren, als Nuras Mann in
Rakka von einer Bombe getroffen wurde. Nuras Unterschenkel wurde damals
aufgerissen, ein Granatsplitter traf auch Ayas Handgelenk, weshalb seine
Purzelbäume manchmal schief ausfallen.
Vor zwei Monaten ist die Familie hier im Lager Moria auf Lesbos gelandet, davor war Nura mit den Kindern vier Tage lang in der Türkei eingesperrt. Eigentlich hätte die Familie Ende Dezember ins Lager Kara Tepe, das für besonders bedürftige Menschen gebaut wurde, gebracht werden sollen. Aber der Termin wurde nun auf Ende Jänner verschoben. So hüpfen Aya und seine verrotzte kleine Schwester Beylisan noch immer durch den Gatsch zwischen den Zelten. (…)“
Staatsanwältin fordert Entlastung der Führungsriege der Goldenen Morgenröte
John Malamatinas, in: Neues Deutschland, 20.12.2019
„Das Plädoyer der griechischen Staatsanwaltschaft dürfte alle Hoffnungen der Parteiführung der Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) übertroffen haben. Im Prozess gegen Politiker der neonazistischen Partei wegen der Ermordung des Musikers Pavlos Fyssos vor mehr als sechs Jahren forderte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch in Athen Freisprüche.
Parteichef Nikos Michaloliakos und andere hochrangige Funktionäre sollen von der Anklage freigesprochen werden, eine kriminelle Organisation zu leiten. In ihren Empfehlungen an das Gericht sagte die Staatsanwältin Adamantia Ekonomou, es habe einen Mangel an Beweisen für die Anschuldigungen gegeben. Diesen zufolge war die Führung der Goldenen Morgenröte an der Planung oder Ausführung der in der Anklage aufgeführten Verbrechen beteiligt, einschließlich der Morde an dem 34-jährigen antifaschistischen Rapper Fyssas und dem 27-jährigen pakistanischen Arbeiter Shazat Luqman im Jahr 2013. (…)“
„Athen. Im Moment werden immer mehr Hausbesetzungen geräumt. Selbst unbeteiligte Nachbarn sind Gegenstand von Razzien, Polizeigewalt und Verhaftungen. In dieser Atmosphäre reisten mehrere Menschen nach Athen, um u.a. das Notara 26 Refugee Squat zu unterstützen, Menschen zu treffen und aktive Solidarität zu leben. Einige dieser Menschen werden über diese Reise sprechen.“
Von Wassilis Aswestopoulos, telepolis, 18. Dezember 2019: „Unter Premierminister Mitsotakis darf die Polizei entfesselter agieren. Zweck sei es, so ein Gewerkschaftsvertreter der Polizei, Demonstranten von Vandalismus und Angriffen auf Polizisten abzuschrecken. In Griechenland beschäftigen sich Bevölkerung und Medien mit der Frage, wie sie die offensichtliche Polizeigewalt der unter Premier Mitsotakis entfesselten Einsatzpolizei wahrnehmen. Für die Anhänger der Regierung, ist der massive Gewalteinsatz ein Grund zu jubeln. Die Reaktionen auf Videos, welche offenbar wahllos auf Festgenommene einprügelnde Einsatzpolizisten zeigen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Seit dem 6. Dezember, dem Tag, an dem in Griechenland mit Demonstrationen dem von Polizisten grundlos erschossenen fünfzehnjährigen Alexis Grigoropoulos gedacht wird, tauchen täglich neue Berichte über die Polizeigewalt auf.“
Griechenland – Hausbesetzer schufen Unterkünfte für Tausende von Flüchtlingen. Jetzt geht die Polizei massiv dagegen vor
Von: Ioanna Manoussaki, Alex King Der Freitag, 49/2019
„Es ist kurz nach fünf Uhr morgens im zentrumsnahen Athener Viertel Exarchia. Eine Gruppe aus Afghanen und Iranern sitzt mitten auf der Straße beim Frühstück. Über ihren Köpfen ist zwischen zwei Gebäuden ein Spruchbanner gespannt, auf dem zu lesen ist: „No pasarán“ (Sie werden nicht durchkommen). Die Männer lachen und scherzen, während sie sich vom für alle gedeckten Tisch Brot, Oliven und mit Feta gefüllte Teigtaschen nehmen. Das Essen findet vor der selbst verwalteten Flüchtlingsunterkunft „Notara 26“ statt. Sie entstand bereits im September 2015 in einem leer stehenden Haus und hat seither geschätzt mehr als 9.000 Menschen beherbergt.
Seit allerdings nach der Parlamentswahl am 7. Juli die konservative Partei Nea Dimokratia (ND) die Regierung übernahm, werden solche Treffen zum „Widerstandsfrühstück“ und zum mehr oder weniger alltäglichen Ritual. Es gibt diese Zusammenkünfte stets in den frühen Morgenstunden, wenn Räumungsaktionen durch die Polizei am wahrscheinlichsten sind. „Recht und Ordnung wiederherzustellen“, war eines der Versprechen, das die Konservativen im Wahlkampf gaben, und von dem sie nicht zu Unrecht glaubten, dass es den Sieg über die Linksallianz Syriza sichern half. Noch im August kündigte die Regierung von Premierminister Kyriakos Mitsotakis an, dass demnächst alle 23 von Anarchisten oder Flüchtlingen besetzten Häuser in Exarchia geräumt würden. Im September kam es zur ersten großen Razzia mit zahlreichen Verhaftungen. Wurde damit das Ende eines Experiments zu urbaner Selbstverwaltung eingeläutet, das Aus für ein selbst organisiertes Netzwerk der Flüchtlingssolidarität, welches über tausend Menschen ein Dach über dem Kopf bietet? (…)“
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